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Légionnaire toujours...

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1977

Am schlimmsten war der Durst

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28.03.1977

Foltern im Straflager der französischen Fremdenlegion

Diebe, Meuterer und Deserteure der Fremdenlegion werden in einer Strafkolonie auf Korsika von ihren Aufsehern in barbarischer Weise gequält. Aufgrund eines Berichts des Fremdenlegionars Michel Trouvain, 26, der unter dem Namen Marcel Terrier in der Legion diente, enthüllt der Journalist Henry Allainmat in seinem Buch "L"Epreuve"* (Die Prüfung), wie es im Straflager zugeht.

Sprich dein Gebet, Terrier, es könnte das letzte sein." Vor dem Mann mit dem von den Schlägen blutverschmierten Gesicht öffnete sieh eine Pforte. Da sagte der Unteroffizier der Legion mit einem zynischen Lächeln zu dem Gefangenen: "Ich habe dir soeben die Pforten zum Paradies geöffnet!"

Trotz seiner Erschöpfung schrie der Verurteilte aus vollem Hals: "Sträfling Terrier, zu sechs Monaten Strafkolonne verurteilt, Sie haben mir die Pforte zum Paradies geöffnet, zu Ihren Diensten, Cheeef!"

So müssen die Legionäre, die wegen schwerer Disziplinverstöße verurteilt sind, ihrem Vorgesetzten antworten, sobald sie das in korsischem Buschwald versteckte Lager betreten.

Gewiß, die Häftlinge dieser sogenannten Umerziehungs-Kolonie sind Diebe, Meuterer und Deserteure der Legion. Doch ihre Vergehen entschuldigen nicht diese Anhäufung gewissenhaft programmierter Erniedrigungen, Leiden, Grausamkeiten und Sadismen.

"Stillgestanden!" Marcel nahm perfekt stramme Haltung an. Hauptgefreiter Loriot aus Madagaskar winkte

* Henry Allainmat: "L'Epreuve Verlag Balland. Paris: 224 Seiten: 44 Franc

Grasset, einen anderen Sträfling, herbei. "Hier seid ihr keine Männer mehr. euch gehört nichts mehr. Ihr seid auch keine Legionäre -- Sträflinge, das seid ihr."

Feldwebel Walk hatte sich mit einem Knüppel bewaffnet und kam heran: Bei jedem empfangenen Befehl wiederholt ihr aus vollem Halse, so laut ihr könnt: .Sträfling Sowieso, zu sechs Monaten Strafkolonie verurteilt, zu Ihren Diensten, Cheeeeef!" Und ich möchte. daß man "Chef" bis nach Paris hört.

"Verstanden. Terrier?" unterbrach Loriot. "Stell dich vor." Marcel holte tief Luft und brüllte: "Sträfling Terrier, zu sechs Monaten Strafkolonie verurteilt, zu Ihren Diensten, Cheeef!" Marcel blieb in tadelloser Haltung stehen, während Loriot ihn zweimal ohrfeigte.

"Ich hatte dich gebeten, dich vorzustellen", sagte der Hauptgefreite ganz leise. "Du mußtest also sagen: "Sträfling Terrier. zu sechs Monaten Strafkolonie verurteilt, ich stelle mich vor, zu Ihren Diensten, Chef.' Das ist doch nicht schwierig. Das Ganze nochmal." Marcel wiederholte.

Anschließend legten die Aufseher ihnen Handschellen an und befestigten an jedem Arm einen Seesack der Sträflinge. Loriot zeigte den beiden Delinquenten sodann seine Pfeife.

"Ein Pfiff, und ihr werft euch auf die Erde und robbt. Zwei Pfiffe, aufstehen. Drei Pfiffe, Entengang. Vier Pfiffe, 50 Liegestütze."

Er pfiff einmal. Marcel und Grasset warfen sich in den Schmutz und begannen zu kriechen, indem sie mit Mühe ihre Seesäcke mitschleppten.

"Nun, Terrier", säuselte Loriot, "wirst du auch nicht zu schnell müde?" Und er pfiff viermal. Marcel machte 50 Liegestütze in einer schwarzen

* Ein über einen Strick mit dem Hals des Häftlings verbundenes Gewicht verhindert, daß der Bestrafte seinen Kopf bewegen kann.

Schlammpfütze. Zwei Pfiffe. Auf stehen! Ein Pfiff. Marcel stürzte sich nieder und begann wieder, auf Ellenbogen und Knien zu kriechen.

Grasset kam als erster an. Marcel, der ihm keuchend folgte, bemerkte, daß auf seinem Weg die scharfe Kante eines Steins hervorragte, der zur Hälfte im Schmutz versunken war. Er wich im letzten Moment aus, um den Stein zu umgehen. Loriot hielt ihn an und stieß seinen Kopf mit dem Fuß in eine Wasserlache. Zwei Pfiffe, Marcel stand auf, und Loriot befahl:" Fang von da hinten noch mal an."

Gleich am ersten Abend erschien der Gefreite Hergott in der Zelle und goß einen großen Eimer Wasser auf den Boden. Bei der herrschenden Temperatur -- draußen lag über ein Meter Schnee -- dauerte es nicht lange, bis das Wasser gefror. Während dieser 48 Stunden in der Zelle war der Durst am schwersten zu ertragen.

Am nächsten Abend, als der Gefreite Hergott wiederum seinen Eimer Wasser auf den Boden goß, wunderte er sich, daß der Sträfling lächelte. Kaum hatte er die Tür geschlossen, da leckte Marcel auf allen Vieren die Pfütze von der festgestampften Erde auf.

Terrier versuchte zweimal zu fliehen. Das bekam ihm übel. Als man ihn erwischt hatte, wußte er, daß seine Henker noch nicht alles an ihm ausprobiert hatten -- zum Beispiel die "große Acht". Terrier mußte sie acht Tage lang durchmachen.

Die Bahn hat die Form einer "Acht", eine Länge von ungefähr hundert Metern. In dieser Bahn muß der Häftling von 6.30 Uhr bis mittags laufen. Dann hat er eine Viertelstunde Pause, um den Inhalt eines Kochgeschirrs zu verschlingen, während er vor der Baracke der "Umerziehungs"Gruppe eine Runde läuft. Anschließend Rückkehr zur "großen Acht", von 12.15 Uhr bis 18.30 Uhr.

Terrier, dem ein Knie wehtat, verlangsamte seinen Lauf. Loriot hatte eine Idee: "Halt, stillgestanden!"

"Clostes, gib ihm eins in die Fresse, er will nicht laufen." Clostes näherte sich Marcel und nahm stramme Haltung an. "Sträfling Clostes, zu sechs Monaten Strafkolonne verurteilt, ich gebe Terrier eins in die Fresse, zu Ihren Diensten, Cheeef!"

Die gebrochenen Sträflinge unterwarfen sich allem: Man zwang sie, im Gehen zu essen. Das Fleisch, die Bohnen und der Nachtisch waren in einem Kochgeschirr durcheinandergemischt; diejenigen, die etwas von dem Essen zu Boden fallen ließen, mußten es dort auflecken. Abends sangen sie eine Stunde lang in strammer Haltung am Fuß ihres Bettes. Es waren die langsamen und epischen Lieder über die glorreiche Legion.

Am Tag vor den großen Inspektionen, wenn ein Oberst oder ein General kamen, mußten alle 36 Häftlinge in einer Linie mit ihrer Zunge den Hof säubern und mit den Zähnen Altpapier, trockenes Laub und Zigarettenstummel aufsammeln. Manchmal wurde einer von ihnen verurteilt, die Nacht in dem einzigen WC der Gefangenen zu verbringen, den Kopf auf der Brille, dem Urin der anderen ausgesetzt.

Als Terrier einmal aufgemuckt hatte, erfand Feldwebel Walk eine neue Folter. Er band Terrier mit Handschellen hinten an einem Jeep fest. Dann bestieg er das Fahrzeug, der Fahrer startete.

Durch das scharfe Anfahren wurde Marcel zu Boden geworfen. Er versuchte hochzukommen, seine Knie stießen gegen einen großen Stein, er fiel wieder hin, wurde von dem Jeep mitgeschleift und drehte sich um die Kette an den Handschellen. Er spürte, wie der felsige Boden ihm die Seiten aufriß, er schrie. "Gib Gas", sagte der Feldwebel zum Chauffeur, "dieses Schwein will uns überholen."

Alle lachten. Man schätzte solchen Humor in der Strafkolonne sehr. Marcel fiel erneut hin. Aber diesmal ließ er sich über den Boden schleifen, er war entschlossen, lieber zu sterben, als noch einmal zu laufen.

Später wurde er an drei weitere Flüchtlinge angekettet, das Quartett dann auf dem "Hügel" ausgesetzt. Dort mußten sie den Boden ausheben, um einen Erdhügel von ungefähr zehn Metern Höhe zu schütten. Wenn der Hügel eine die Aufseher zufriedenstellende Größe erreicht hatte, mußten ihn die Sträflinge wieder abtragen und an einer anderen Stelle des Lagers neu aufschütten. So war der "Hügel" schon mehrmals umhergewandert.

Der "Hügel" war eine höllische Arbeit, die nie beendet, immer wieder neu begonnen wurde, die destruktiv, unnütz und absurd war. Für die vier Angeketteten wurde er zu einem Berg. Im Gleichschritt sollten sie mit ihrer in 50-Kilo-Fässer gefüllten Erde hochsteigen, wobei sie ihre Bewegungen so synchronisieren mußten, daß keiner durch die Ketten, die sie untereinander verbanden, aus dem Gleichgewicht geriet.

Dieser von den "Aufsichtspersonen" offensichtlich gewünschte Effekt wurde oft erreicht: Die Fässer der vier stürzten dann um. Sobald einer von ihnen bestraft wurde, zog er die anderen in die Strafe mit hinein. Bald überwältigte der Haß die vier unglücklichen Angeketteten.

Als Terrier entlassen wurde, hatte er ein Recht auf ein Geschenk. Loriot näherte sich ihm, die Hände auf dem Rücken, so als verberge er etwas.

"Die anderen Aufsichtspersonen und ich wollen dich nicht entlassen, ohne dir ein kleines Geschenk seitens der Strafkolonie zu machen", sagte er mit Pathos. "Schließe deine schönen Augen und öffne deinen großen Mund!" Marcel gehorchte, ohne eine Frage zu stellen.

Loriot holte Schwung, warf seinen Kopf nach hinten, räusperte sich und spuckte in einem großen Bogen in den offenen Mund.

DER SPIEGEL 14/1977
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