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1952

Der Krüll, der bleibt

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16.07.1952

Während der Fremdenlegionär Nr. 88 795, Hans Krüll (im westfälischen Diminutiv "Hänseken" genannt), aus Marienloh bei Bad Lippspringe seit dem 15. Juli 1952 auf einem französischen Truppentransporter gen Indochina schippert, hat die Heimkehr eines entlassenen Legionärs, der Hänseken in Sidi Bel Abbès in Afrika gesprochen hat, alle Fragen erneut aufgeworfen, die mit dem rätselhaften Verschwinden des jungen Krüll zusammenhängen. Diese Fragen beziehen sich darauf:

* ob Krüll mit vollem eigenem Willen in die Legion eingetreten ist, wie es die Staatsanwaltschaft in Paderborn auf Grund der bisherigen Ermittlungen annimmt oder

* ob er von zwei wahrscheinlichen Altmetall-Dieben, gegen die er als Haupt-Belastungszeuge vor Gericht auftreten sollte, zu einer Prämie von je 15 000 französischen Franken an die Legion "verkauft" wurde, wie es Hänsekens Vater glaubt.

Der am 24. Juni aus Afrika in seine Heimat Paderborn heimgekehrte ehemalige Legionär Erich Robst neigt nach seinem Gespräch mit Hänseken in Sidi Bel Abbès der zweiten Auffassung zu.

Robst berichtete nämlich, daß er mit Hänseken im Lager III auf einer Stube gelegen habe. Dabei habe ihm der junge Krüll, der mit seinen 18 Jahren fast noch ein Kind sei, erzählt, daß ihn seine beiden Kumpane durch List dazu gebracht hätten, in die Legion einzutreten, während sie sich selbst, nachdem er unterschrieben hatte, aus dem Staube gemacht hätten.

Ähnliches deuten zwei Briefe an, die Hänseken Krüll am 19. Januar aus Sidi Bel

Abbès und am 11. Februar 1952 aus Saida in Algerien an seine Eltern in Marienloh schrieb. In dem Brief vom 19. Januar steht die strittige Wendung: "Es hat jeder 15 000 frs. Prämie bekommen ..."

Diesen Punkt erledigte die Oberstaatsanwaltschaft in Paderborn in einem Schreiben vom 20. Mai 1952, mit dem sie das von Vater Hermann Krüll in Marienloh am 20. Dezember 1951 gegen Georg Bolte und Heinz Schlüter in Bad Lippspringe beantragte Verfahren wegen Menschenraubes einstellte, indem sie schrieb: "... ist nicht ersichtlich, auf welche Personen diese Äußerung gemünzt ist."

Mit der Bezeichnung "Prämie" könne jedenfalls nicht das Handgeld gemeint sein, das jeder Legionär bei seinem Eintritt in die Legion bekomme, meint der heimgekehrte Legionär Robst zu dieser Stelle des Briefes. Das Handgeld betrage nämlich nicht 15 000 frs., sondern 26 000 frs.

In seinem zweiten Brief vom 11. Februar 1952 war Hänseken Krüll noch deutlicher geworden. Die betreffende Passage heißt dort: "Ich habe mich heute für übermorgen zum Raport Kommandant Kompanie angemeldet. Ich kann dort meine Sache mit Bolte wiederholen und einen Eid darauf leisten...

"Von Offenburg wurde Georg Bolte zurückgeschickt", schreibt Hänseken. "Wir sind von da aus nach Maseile gefahren. Heinz Schlüter verweigerte dort seine Unterschrift. Ich konnte sie nicht mehr verweigern, weil ich einen Tag vorher unterschrieben hatte. Nach einigen Tagen wurde mir gesagt, Heinz Schlüter hätte gesagt, jetzt könne er zurück, denn jetzt wer ich ja ausgeschaltet."

Weiter Hänseken Krüll: "Das Fahrgeld bis nach Mainz hatte Heinz und Bubi. Frau Schlüter gab auch noch 20 DM dazu."

Zu der Stelle des Briefes von Hänseken Krüll, an der er schreibt, daß Heinz Schlüter in Marseille seine Unterschrift verweigert habe, merkte Exlegionär Erich Robst an: "Es ist mir nicht ein einziger Fall bekannt, daß ein Legionärs-Anwärter in Marseille mit Erfolg seine Unterschrift unter das Verpflichtungsformular verweigert hätte."

In diesem Zusammenhang erwähnte Robst, daß die letzte Chance, der Legion noch vor Verlassen des europäischen Festlandes zu entrinnen, darin bestehe, während des Bahntransportes von Offenburg nach Marseille auszukneifen.

"Also", glaubt Vater Hermann Krüll, "ist Heinz Schlüter mit meinem Jungen deshalb nach Marseille gefahren, um ihn auch ganz sicher dort abzuliefern, wohin ihn Schlüter und Bolte haben wollten."

Eine weitere Klärung, wie es sich wirklich mit der Reise von Krüll, Bolte und Schlüter von Bad Lippspringe - Marienloh bis nach Offenburg, beziehungsweise Marseille verhalten habe, erwarteten Hermann Krüll wie auch die Oberstaatsanwaltschaft in Paderborn von einem dritten Brief, den Hänseken Krüll in seinem Schreiben vom 11. Februar angekündigt hatte.

Dieser angekündigte Brief Hänsekens ist jedoch nie eingetroffen.

Dagegen will der 29jährige Rumänien-Deutsche Johann Schuster, der in Lippspringe lebte und dort mit der Familie Krüll bekannt wurde, am 2. Mai 1952 überraschend von einem Major G. E. Iliescu in Paris ein Telegramm erhalten haben, in dem ihm Iliescu mitteilte, daß Hans Krüll bei ihm in Paris sei. Schuster wurde aufgefordert, sofort nach Paris zu kommen

Nach seiner Rückkehr erzählte er jedoch so phantastische Dinge, daß ihm selbst die gutgläubigen Krülls nicht recht glauben wollten.

Danach hatte Schuster am Nachmittag des 7. Mai die in dem Telegramm genannte Wohnung des Majors

Iliescu in Paris, Bellevue Nr. 7, aufgesucht. Als er jedoch den Hausflur betreten habe, seien plötzlich zwei Männer auf ihn zugestürzt und hätten ihm Pistolen vor die Brust gehalten. "Sie sind also Herr Schuster! Auf Sie haben wir gerade gewartet..."

Schuster sei dann, wie er berichtete, in das Haus gezerrt worden und später in einem französischen Kerker gelandet. Als er dann außerhalb des Gefängnisses zur Arbeit eingesetzt wurde, sei es ihm geglückt, zu entfliehen.

Ob der seltsame Herr Schuster, der inzwischen aus Bad Lippspringe in Richtung Nürnberg verschwunden ist, überhaupt in Paris war, steht dahin. Die Adresse: Paris, Bellevue Nr. 7, gibt es jedenfalls nicht.

Dagegen gibt es den Major Iliescu. Er ist Vorsitzender eines anglo-rumänischen Hilfsausschusses für Flüchtlinge und wohnt gewöhnlich in London SW 10, Drayton Gardens 53. Zur Zeit hält er sich tatsächlich in Paris auf, und zwar im neunten Bezirk, Hotel Petersburg, Rue de Comartin 33.

Zwar trifft es zu, daß sich Schuster an Iliescu, den er kannte, gewandt und um Intervention im Falle Krüll gebeten hatte. Iliescu war deswegen sogar beim französischen Kriegsministerium vorstellig geworden. Iliescu streitet jedoch ab, an jenem 2. Mai an Schuster in Lippspringe ein Telegramm des Inhalts gesandt zu haben, daß Hänseken Krüll bei ihm sei.

Nach diesem undurchsichtigen Intermezzo bot sich keine Möglichkeit mehr, Hänseken Krüll aus den Fängen der Fremdenlegion zu retten oder überhaupt ein klärendes Licht in die ganze Affäre zu bringen.

Aus diesen Gründen schlug die Oberstaatsanwaltschaft in Paderborn am 20. Mai 1952 auch die von Vater Hermann Krüll gegen Bolte und Schlüter wegen Verdachts des Menschenraubes erstattete Anzeige nieder, denn es konnte, wie die Staatsanwaltschaft an Vater Krüll schrieb, "den Beschuldigten nicht nachgewiesen werden, daß sie sich Ihres Sohnes mit Gewalt, Drohung oder List, d. h. unter Verbergen der Absicht und der gebrauchten Mittel bemächtigt haben"*).

Im einzelnen nannte die Staatsanwaltschaft, die zugeben mußte, daß Bolte und Schlüter ein "erhebliches Interesse" daran hatten, daß der Haupt-Belastungszeuge in ihrer Diebstahlssache, Hans Krüll, vor Gericht nicht gehört wurde, als Gründe für ihren Einstellungsbeschluß:

* Hans Krüll hat am 5. Dezember 1951, also drei Tage, bevor er mit Schlüter und Bolte verschwand, eine gut bezahlte Maurerstelle freiwillig aufgegeben. Das deutet auf seine Fluchtabsicht hin.

* Spätestens in dem (inzwischen aufgelösten) Legionärs-Sammellager Offenburg war er "dem unmittelbaren Einfluß und der Gewalt der Beschuldigten entzogen". Er hätte also, ebenso wie Heinz Schlüter, die Unterschrift unter das Verpflichtungsformular verweigern und nach Hause zurückkehren können.

* Selbst wenn die Äußerung Schlüters zu beweisen sein sollte, daß er ja nun nach Hause zurückkehren könne, nachdem Hans Krüll ausgeschaltet sei, so ist darin nicht schon der Nachweis zu erblicken. daß sich Schlüter und Bolte Krülls bemächtigt hätten.

* Schließlich hat auch gegen Hans Krüll der "dringende Verdacht" einer Beteiligung an dem Altmetalldiebstahl bestanden.

Damit waren auch Vater Hermann Krülls Verdachtsgründe gegen Schlüter und

Bolte zu Fall gebracht. Dennoch läßt sich der 46jährige Gelegenheitsarbeiter bis heute nicht von der Überzeugung abbringen, daß sein Sohn verschleppt worden sei oder zumindest durch listige Beeinflussung seines Willens in die Fremdenlegion gekommen ist.

Dabei stützt sich Hermann Krüll auf die merkwürdigen Vorgänge vor und nach der "Flucht" seines Sohnes, Schlüters und Boltes, die, wie er meint, von der Staatsanwaltschaft in Paderborn nicht genügend beachtet worden seien.

Den Krülls war es in ihrem Leben stets kratzig gegangen. Dennoch hatte der ehemalige Fliesenleger Hermann Krüll seine fünf Kinder ehrlich erzogen und, sowie sie herangewachsen waren, in eine ordentliche Berufsausbildung gesteckt.

Hänseken Krüll war der älteste der drei Krüll-Jungens. Er war Maurer geworden und verdiente 1,49 DM in der Stunde. "Eben begannen wir, etwas an ihm zu haben", sagt Hermann Krüll. Seit der Sohn bis zu 400 DM im Monat heimbrachte, erlaubte es sich der erwerbslose Hermann Krüll auch gelegentlich, einen Bommerlunder über den Durst hinterzukippen.

Sohn Hänseken dagegen trank nicht. Er war mittelgroß, blond, breitschultrig und dabei "ein fleißiger, ordentlicher Junge", wie der alte Krüll stolz erwähnt. Auch war er weich und gutmütig, so daß es in Marienloh hieß: "Der Hänseken Krüll glaubt aber auch jedem."

Daß er den Schlüters glaubte, war, wie Hermann Krüll meint, sein Unglück. Die Schlütersche Behausung liegt nicht weit von der Krüllschen, im Wald, und zwar in der Oberen Bleichstraße, bei der Möbelfabrik Busch. Mit den Schlüters, "Ölmännekens" genannt, wohnten die Boltes zusammen, so daß bis zu 15 Personen in der Schlüterschen Klitsche hausten.

Darunter waren sieben bis acht Männer. Sie hatten teilweise tätowierte Oberarme und trugen den Ölmännekens den Ruf einer "Schlägerfamilie" ein. Der Staatsanwalt Bechtold in Padernborn nennt sie wegen ihres häufigen Erscheinens vor Gericht ironisch: "Meine lieben Freunde." Polizeimeister Siering in Lippspringe dagegen versieht die Ölmännekens offen mit den Warenzeichen: Raffinesse, Geschicklichkeit, Schlechtigkeit. "Die tun schon was für zehn Pfennig", meint er.

"Daß die mal einen verkaufen, halte ich durchaus für möglich", sagt Polizeimeister Siering im Hinblick auf den gutmütigen Hänseken Krüll, den er einen "ehrlichen Jungen" nennt.

Zu seiner Zeugenschaft gegen die Schlüter-Bolteschen Ölmännekens war Hänseken Krüll dadurch gekommen, daß er eines Abends im Frühjahr 1951 von seiner Arbeitsstelle bei Maurermeister Müller in Lippspringe, Poststraße, über den Galgenberg nach Hause in die Senne (Krülls wohnen Senne Nr. 1) trabte. Am Galgenberg waren von der Bundesbahn mehrere Lokomotivtender abgestellt, die als Teerwagen verwendet werden sollten. Die Tender wurden jedoch bis zum Mai 1951 von unbekannten Tätern derart ausgeschlachtet, daß sie schließlich nicht mehr transportfähig waren. Insgesamt wurden Tragfedern, Achslagerschalen und Achslagergehäuse im Werte von insgesamt 6000 DM ausgebaut

Wie nun Hänseken Krüll über den Galgenberg kommt, sieht er die halbe Ölmänneken-Sippe mit einem Wagenheber an den Lokomotivtendern bosseln. Es sind die drei Bolte-Brüder Heinz, Kurt und Georg sowie Heinz Schlüter. Georg Bolte ist mit 25 der älteste. Die anderen sind etwa in Hänsekens Alter. "Paß'' mal ein bißchen auf, daß niemand kommt", sagen sie zu Hänseken. Der tut es ahnungslos, obgleich ihm die Geschichte nicht ganz geheuer ist.

Eines Tages vorher war er abends zufällig durch die Obere Bleichstraße gekommen. Da sieht er, wie ein rotes Dreiradlieferauto vor dem Haus der Ölmännekens hält. Es wird hurtig aufgeladen. Hänseken wird aufgefordert, dabei ein wenig zu helfen, denn ein Trumm von einer Lokomotiv-Tragfeder von schätzungsweise 150 Pfund muß auf den Wagen gewuchtet werden. Der hilfsbereite Hänseken hilft wiederum.

Nicht lange danach aber erscheint der Polizeiobermeister Nissen von der Bahnpolizei in Hamm in der Senne Nr. 1 und knopft sich Hänseken vor. Angeblich war ein anonymes Schreiben bei der Bundesbahn eingegangen mit dem Hinweis, daß ein gewisser Hans Krüll Auskunft darüber geben könne, wer die Lokomotivtender am Galgenberg ihrer Fahrbereitschaft beraube.

Hänseken plaudert auch vor dem vernehmenden Nissen alles haarklein aus, was er am Galgenberg und in der Oberen Bleichstraße beobachtet hatte. Die Folge ist, daß sich der Untersuchungsrichter für die drei Boltes und Heinz Schlüter interessiert. Dabei wirft der Richter da die vier üblicherweise leugnen, den Namen Hans Krüll in die Waagschale. "Das ist ein Freund von uns", sagen die Ölmännekens. "Netter Freund", sagt darauf der Richter zynisch, "der hat euch nämlich in die Pfanne gehauen."

"Zuerst drohten die vier, meinem Jungen die Schnauze platt zu schlagen, weil er sie verraten hatte", erzählt Hermann Krüll. "Ich habe ihn deshalb eine Zeitlang zu meiner Schwester nach Gelsenkirchen gebracht."

Ende Oktober 1951 ist Hänseken Krüll aber, nachdem die Luft sauber zu sein scheint, wieder in Marienloh. Er arbeitet als Maurer bei der Firma Holzmann, die in Lippspringe am Diebesweg eine englische Panzerkaserne baut. Am 13. November erhält

er die gerichtliche Vorladung als Zeuge in der Verhandlung gegen Heinz, Kurt und Georg Bolte sowie gegen Heinz Schlüter und gegen den als Aufkäufer des Diebesgutes verdächtigen Schrotthändler Wilhelm Schnippenkötter.

Die Verhandlung ist auf den 13. Dezember vor dem Schöffengericht in Paderborn anberaumt. Die Anklage lautet auf Diebstahl von Eigentum der Bundesbahn. "Da springen sicher ein, zwei Jahre raus", kratzt sich Georg Bolte hinterm Ohr.

Als dann aber die Verhandlung am 13. stattfinden soll, sitzen nur Heinz und Kurt Bolte sowie Schnippenkötter in der Anklagebank. Wo die anderen seien? fragt der Richter. "Wahrscheinlich Fremdenlegion", sagen die Boltes. "Auch der Krüll? Der ist doch nur als Zeuge geladen."

In der Zwischenzeit war Hänseken Krüll von seiner Firma wegen Arbeitsmangels entlassen worden. Er hatte demnach seine Stelle nicht freiwillig aufgegeben.

Am 7. Dezember hatten die Arbeiter der Firma Holzmann in der Schützenhalle in Lippspringe Richtfest. Hänseken geht zwischen 16 und 17 Uhr hin. Gegen 22 Uhr kommt er in die Senne zurück, "und zwar", erzählt Hermann Krüll, "was wir bis dahin noch nie an ihm erlebt hatten - sternhagelvoll". Krüll vermutet, daß die Ölmännekens seinen Sohn betrunken gemacht haben, vielleicht um ihn da schon für ihre hinterlistigen Zwecke kirre zu machen.

Am folgenden Morgen will Hänseken, erzählt Vater Krüll, zum Arbeitsamt nach Paderborn, um sich zum Stempeln anzumelden. Mutter Krüll will ihm 10 DM geben. Aber Hänseken nimmt nur 50 Pfennig. "Das war sein einziges Geld."

Außerdem trug Hänseken, nach der Schilderung seines Vaters, nur seinen Pullover und nicht einmal einen Mantel, obwohl es ziemlich kalt war. "Dabei hingen vier Mäntel im Hause herum, von denen er doch einen hätte anziehen können, wenn er wirklich fort gewollt hätte", meint Mutter Krüll.

Als Hänseken bis zum Abend nicht heimkommt, werden die Krülls nervös. Hermann Krüll läuft umher und erkundigt sich da und dort nach seinem Sohn. Nirgendwo ist er. Am anderen Morgen geht er dann zu Schlüters in die Obere Bleichstraße und fragt die verwitwete Frau Schlüter: "Sagt, wo ist Hänseken? Ich meine, Ihr müßt es wissen."

An Stelle von Frau Schlüter antwortet jedoch die kesse Rösel Bolte, die Frau von Georg Bolte, geborene Schlüter: "Wissen wir nicht." Darauf Krüll: "Wo ist Bubi, wo ist Heinz?" Rösel: "Die werden noch im Bett sein."

In Wirklichkeit sind Hänseken Krüll, Georg ("Bubi") Bolte und Heinz Schlüter an diesem 9. Dezember bereits in Mainz. Die Fahrtroute hat Hänseken in seinem Brief vom 11. Februar 1952 beschrieben: "Ich bin am 8. 12. 1951 mit Georg Bolte und Heinz Schlüter von Paderborn um 11 Uhr 27 mit dem D-Zug Paderborn - Frankfurt nach Frankfurt gefahren. Von da aus sofort weiter nach Mainz. Da haben wir im Evangelischen Hilfswerk übernachtet. Am 9. 12. 1951 haben wir uns auf der Französischenpolizei um 9 Uhr gemeldet. Da bekamen wir einen Freifahrtschein nach Landau. In Landau waren wir bis zum 11. 12. 1951 morgens 5 Uhr. Wir fuhren von da zum Sammellager Offenburg..."

Dies alles ahnte Hermann Krüll aber noch nicht, als er am 9. Dezember bei Schlüters nach seinem Sohn fragte. Erst von seinem Schwager Willi Daniel erfuhr er dann am selben Tag, daß Rösel Bolte einer Frau in Lippspringe einen Tag vorher erzählt habe, ihr Mann und die zwei anderen wollten in die Fremdenlegion.

Aus Schlüters bringt Hermann Krüll nichts heraus, obwohl er bittet: "Frau Schlüter, Ihr seid doch Mutter, sagt mich doch, wo ist mein Sohn?" Rösel Bolte sagt schließlich nur: "Sie wollten in den Kohlenpott auf Arbeitsuche."

Da Hermann Krüll jedoch mißtrauisch geworden ist, läuft er zur Polizei nach Lippspringe ins Rathaus und bittet, daß nach seinem Sohn gefahndet werden möge, damit er vielleicht noch vor Überschreiten der Grenze angehalten werden könne. Aber die Polizisten sagen: "Erst muß einer einmal acht Tage weg sein. Dann kommt Ihr wieder, Krüll, und gebt Eure Anzeige auf Dann melden wir es nach Hamburg zur Fahndungszentrale."

Einen Haftbefehl auch gegen Hans Krüll zu erlassen, wie gegen Bolte und Schlüter nach deren Verschwinden, lehnt Staatsanwalt Bechtold, trotz Hermann Krülls Bitte, ab. Hans Krüll sei ja nur Zeuge.

Da der wichtigste Zeuge in der Metalldiebstahlssache, eben Hänseken Krüll, aber fehlt, muß die Verhandlung am 13. Dezember ausgesetzt werden. Sagt Hermann Krüll: "Daß Bolte und Schlüter Grund hatten, zu verduften, kann ich noch verstehen. Aber weshalb mußten sie da ihren Kronzeugen mitnehmen?"

Krüll will festgestellt haben:

* daß Schlüter und Bolte bei ihrer Arbeitsstelle, der gleichfalls am Lippspringer Kasernenbau beteiligten Firma Pape, ihre Papiere sowie einen Teil ihres Lohnes im Stiche gelassen hatten,

* daß sein Sohn von Schlüter und Bolte für acht Tage verproviantiert und mit Reisegeld versehen worden war.

"Ich kann mir das Ganze nur so vorstellen", sagt Hermann Krüll, "daß Schlüter und Bolte meinem Jungen am 8. 12. morgens im Walde aufgelauert und ihn unter

irgendwelchen Drohungen gezwungen haben, so wie er gerade war, mit ihnen zu gehen..."

In diesem Zusammenhang behauptet Hermann Krüll, daß der Kantinenwirt in der Panzerkaserne, Otto, zu ihm gesagt habe, Heinz Bolte hätte nach dem Verschwinden der drei in der Kantine geäußert: "Paßt auf, unsere zwei kommen wieder, aber der Krüll, der bleibt."

So war es. Etwa zwei Wochen vor Weihnachten 1951 kam Georg Bolte als erster nach Bad Lippspringe zurück, um Silvester herum Heinz Schlüter. Bei Boltes Rückkehr sagte Liborius Schlüter, Onkel der drei Boltes, wie sich Hermann Krüll erinnert: "Einer ist schon wieder hier Merkst du denn noch nichts? Die haben deinen Jungen verkauft."

Georg Bolte wurde noch am gleichen Abend von Polizeimeister Siering vernommen. Er erzählte keck, was Polizeimeister Siering bestätigte, daß sie alle drei auf Arbeitssuche nach Castrop-Rauxel gefahren seien. Als da nichts zu machen war, weiter nach Frankfurt.

In Frankfurt habe sich in einer Kneipe ein Herr zu ihnen gesetzt, der sie für "Arbeit in Frankreich" geworben habe. Von ihm hätten sie einen Freifahrtschein nach Offenburg erhalten. Von Offenburg seien sie zu dritt nach Marseille gefahren. Während er und Heinz Schlüter jedoch in Marseille ihre Unterschrift unter die Verpflichtungserklärung verweigert hätten, habe Hänseken Krüll, obgleich sie ihn davon abhalten wollten, unterschrieben.

Seit dem 12. Dezember 1951 sei er "am Schwimmen" nach Sidi Bel Abbès. Sie hätten am Kai gestanden und ihm traurig nachgewinkt.

Bei Schlüters Rückkehr ergaben sich überraschende Widersprüche zwischen der Aussage Boltes und Schlüters, so daß Schlüter schließlich sagte: "Au Backe, da hat mein Schwager aber gelogen!" Schlüter erzählte nämlich, daß nur er zusammen mit Hänseken nach Marseille gefahren sei. Georg Bolte dagegen sei bereits in Offenburg wegen Untauglichkeit zurückgeschickt worden.

Daß er und Bolte aber keineswegs, wie sie angaben, auf Arbeitsuche (wozu Schlüter und Bolte ja auch gar keine Papiere mithatten) gefahren sein konnten, sondern nach einer vorher genau festgelegten Marschroute direkt über Mainz nach Offenburg gefahren sein mußten, ersieht Hermann Krüll daraus, daß sie bereits am 9. 12. in Mainz und noch am gleichen Abend in Offenburg anlangten.

Was das Verschwinden Hänseken Krülls aber für Schlüter und Bolte bedeutete, geht daraus hervor, daß sie, nach einem Zwischentermin am 25. Februar, am 9. Mai 1952 wegen Mangels an Beweisen vom Schöffengericht in Paderborn von der Anklage des Metalldiebstahls freigesprochen wurden.

"Daß diese Leute immer freikommen und bei ihren dunklen Machenschaften nie zu fassen sind", sagt die alte Frau Happe, eine ehemalige Rotekreuzschwester in Lippspringe, Grünestraße, über die Schlüter-Bolteschen Ölmännekens. Frau Happe hatte es vor etwa zweieinhalb Jahren mit ihrem Pflegesohn Otto Hassler erlebt, daß er gleichfalls, wie sie meint, auf Veranlassung der Schlüters, in die Fremdenlegion gegangen war.

Und zwar hätten die Schlüters ihren damals 18jährigen Otto, ähnlich wie Hänseken Krüll, Schmiere stehen lassen, während sie Enten stahlen. Otto erhielt daraufhin sechs Wochen Gefängnis und wurde von der Bundesbahn, bei der er beschäftigt war, entlassen. Eines Nachts war er weg. Erst nach drei Jahren, im Sommer 1951, kam er aus Indochina wieder, mit Malaria und zwei MG-Schüssen durch das Knie.

*) Im Paragraph 234, StGB (Menschenraub), heißt es: "Wer sich eines Menschen durch List, Drohung oder Gewalt bemächtigt, um ihn in hilfloser Lage auszusetzen oder in Sklaverei, Leibeigenschaft oder in auswärtige Kriegs- oder Schiffsdienste zu bringen, wird wegen Menschenraubs mit Zuchthaus bestraft."
DER SPIEGEL 29/1952
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